Zielbahnhof: Cloud

Zielbahnhof: Cloud

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Das wusste schon Dichter Matthias Claudius. Von der Reise der Deutschen Bahn in die Cloud kann die DB Systel GmbH erzählen, der Business-Enabler und Integrator des Konzerns. Wichtige Stationen der Expedition waren neben dem Verkauf des DB-eigenen Rechenzentrums die Migration von mehreren hundert Anwendungen und Services, darunter 27 SAP-Anwendungen, in die Public Clouds von Amazon Web Services und Microsoft Azure. Das Projekt wurde etwa zwei Jahre früher abgeschlossen als geplant.

Markus Bakker, Corporate Business Solutions bei der DB Systel GmbH

Auf der Reise in die digitalisierte Welt führt aus Sicht der DB Systel, dem Digitalpartner und IT-Dienstleister der Deutschen Bahn, in der heutigen Zeit kein Weg an der Cloud vorbei. So verwundert es auch nicht, dass die Deutsche Bahn bereits 2016 alle Weichen auf Digitalisierung gestellt hatte. In Folge eines Konzernbeschlusses wurde ein Programm für eine zentrale Cloud-Plattform ins Leben gerufen. „Wir wollen die Vorteile der DB Enterprise Cloud für alle Anwender im Konzern möglichst schnell nutzbar machen“, erläutert Markus Bakker, der im Bereich Corporate Business Solutions bei DB Systel tätig ist. Konkret sollten fachliche Anforderungen schneller umgesetzt, die Infrastruktur performanter und das Kapazitätsmanagement flexibler werden. „Gleichzeitig spielten natürlich auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle“, fasst der IT-Experte zusammen.

Mehrere Provider im Einsatz

Im ersten Schritt wurde eine technologisch recht einfache Anwendung umgesetzt. Diese hatte ein gewisses Einsparpotenzial, weshalb sie sich aus Sicht des Experten besonders gut für diese erste Migration eignete. „Die Anwendung lief auf vier Applikations-Servern. Mit dem Transfer in die Cloud konnten wir automatisiert abends einen Teil der Server abschalten und morgens wieder starten“, sagt der Product Owner. Die Erfahrungen aus der Migration dieser Non-SAP-Lösungen kamen den Experten dann auch zugute, um 27 SAP-Anwendungen in die Cloud zu bringen. „Lösungen, die SAP selbst in der eigenen Cloud anbietet, also Software-as-a-Service-Themen, wie z. B. SAP Ariba, nutzen wir über SAP selbst. Doch unsere SAP-ERP- oder SAP-Business-Intelligence-Systeme liegen in der DB Enterprise Cloud“, erläutert Markus Bakker.

Die rund 5.000 Mitarbeitenden der DB Systel GmbH treiben die Digitalisierung für alle Gesellschaften der Deutsche Bahn AG aktiv voran.

Keine SAP-spezifische Entscheidung

„Es war keine SAP-spezifische Entscheidung, unser DB-eigenes Rechenzentrum aufzulösen. Wir wollten die größtmögliche Flexibilität, Skalierbarkeit und gleichzeitig einen wirtschaftlichen Effekt über alle unsere Anwendungen erzielen“, so Markus Bakker. Zudem hatte die SAP Cloud noch nicht den erforderlichen Umfang an benötigten Features, als im Jahr 2015 die Wahl getroffen wurde. „Inzwischen hat sich einiges geändert. SAP positioniert z. B. die SCP jetzt als zentrale Plattform für alle SAP-nahen Anwendungen im Kontext von Erweiterung und Integration“, so Peter Schmid.

Und die Migration selbst? Gleich zu Beginn wurden Teams für die Migration und den Betrieb von Anwendungen geschult und aufgebaut, welche in der Regel die Anwendungen, die sie künftig in der Cloud betreiben sollten, auch in Eigenregie migrierten. Für jede Anwendung gab es einen eigenen On-Boarding-Prozess. „Wir haben geprüft, ob die Anwendung Cloud-fähig ist und dabei auch die Besonderheiten der Anwendungen beleuchtet“, erinnert sich Peter Schmid. Dazu zählte z. B., dass Lizenzen unter die Lupe genommen wurden. „Das Wichtigste ist in dem Zusammenhang, dass wir nicht nur die Infrastruktur-Services von Cloud-Providern nutzen, sondern auch intern unsere Produktionsmodelle umgestellt haben“, so der Product Owner. So sind die zuständigen Teams jetzt Ende-zu-Ende für den Betrieb von Anwendungen verantwortlich. „Wir haben bspw. keine separate Server- und Storage-Betriebsführung mehr wie früher. Ein Team hat jetzt ein Grund-Know-how über den kompletten Stack und ist verantwortlich, dass die Anwendung läuft und ihren Service-Level einhält“, fasst Peter Schmid zusammen.

DB Systel GmbH

Die DB Systel GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main ist hundertprozentige Tochter der Deutsche Bahn AG und Digitalpartner für alle Konzerngesellschaften. Mit ihrem ganzheitlichen, kundenspezifischen Angebot, das höchsten IT-Standards entspricht, treibt sie die Digitalisierung aller Gesellschaften der Deutsche Bahn AG voran und greift innovative Trends auf. Dazu bringt DB Systel ihre fundierte Bahn- und IT-Kompetenz ein. An den Hauptstandorten Frankfurt, Berlin und Erfurt sind aktuell ca. 5.000 Mitarbeitende beschäftigt.

Weiterbildung und Know-how-Aufbau

Diese Umstellung ging einher mit Ansätzen der Selbstorganisation in Teams sowie der Nutzung agiler Prinzipien in Arbeitsmethodik und Steuerung, um die wirtschaftlichen Effekte zu unterstützen und flexibler auf Änderungen reagieren zu können. „Ein Team besteht dabei aus dem Umsetzungsteam selbst sowie einem Agility Master und Product Owner“, so Peter Schmid. Dabei wird Wert darauf gelegt, dass sich das Know-how über die betreuten Anwendungen im Team verteilt. „Jedes Team legt die Skills, die es dafür braucht, selbst fest und entwickelt dann diese Kompetenzen“, beschreibt Peter Schmid das Vorgehen. Durch die Transformation von DB Systel arbeitet ein großer Teil der Mitarbeiter inzwischen in der „neuen Arbeitswelt“. Das heißt, inzwischen gibt es bei DB Systel etwa 600 Teams, die selbstorganisiert und agil vorgehen.

Mit ihrem ganzheitlichen, kundenspezifischen Angebot, das höchsten IT-Standards entspricht, treibt die DB Systel GmbH die Digitalisierung aller Gesellschaften der Deutsche Bahn AG voran

„Der Verkauf des Rechenzentrums war von Anfang an ohne Stellenabbau geplant. Wir haben im Gegenteil sogar zum einen in den Service-Teams umfangreich und strukturiert in die Kompetenzentwicklung investiert sowie zum anderen auch die Möglichkeit eröffnet, in neue IT-Themen hineinzuwachsen“, sagt Markus Bakker. Insgesamt ist die Motivation der Mitarbeitenden stark gestiegen, seitdem sie eigenverantwortlich und damit auch schneller die notwendigen Entscheidungen auf Team-Ebene treffen.

Reibungslos in die Cloud

Peter Schmid, Product Owner Cloud-Applikationsbetrieb Group/Holding, bei der DB Systel GmbH

Insgesamt verlief das Großprojekt „Cloud@DB“ bei der Deutschen Bahn für den Umfang des Vorhabens relativ reibungslos. Wirkliche Herausforderungen oder Schwierigkeiten technischer Natur gab es nicht. „Technisch ist die Cloud-Migration beherrschbar. Auch haben wir uns gleich zu Beginn intensiv mit den Datenschutz- und Security-Themen beschäftigt, was bei einer Entscheidung für die Public Cloud sicherlich unumgänglich ist“, so Peter Schmid.

Die im Rahmen des Projektes migrierten Anwendungen werden ausschließlich in Deutschland betrieben. Zudem wurden technische Vorkehrungen getroffen, um alle Anwendungen zu verschlüsseln. „Wir haben gemeinsam mit AWS Features entwickelt, sodass diese Verschlüsselung automatisch beim Hochfahren der Instanzen passiert“, erinnert sich Peter Schmid an den Prozess zurück.

Die größte Herausforderung war der Know-how-Aufbau verbunden mit einem Wissenstransfer in und zwischen den Teams. DB Systel setzt in den Service-Teams des Cloud-Betriebs auf nahezu 100 Prozent des eigenen Personals. Um hier ein entsprechendes Niveau zu erreichen, braucht es laut Einschätzung der Experten viel Zeit und Methodik. „Damit kann man gar nicht früh genug anfangen“, so Markus Bakker. Und die Effekte wurden neben der Nutzung von Cloud-Services vornehmlich dadurch realisiert, dass das Produktionsmodell und die Arbeitsmethodik umgestellt wurden.

Der Expertentipp

  • Sichern Sie sich einen klaren Projektsponsor, z. B. aus der Geschäfts­führung oder dem Vorstand, damit das Projekt gleich genügend Rückhalt im Unternehmen erfährt.
  • Investieren Sie frühzeitig in den Know-how-Aufbau des eigenen Personals.
  • Lassen Sie die Teams, die die Anwendung am Ende betreuen, auch die Migration übernehmen. Auf diese Weise wird bereits von dem innerhalb des Projekts aufgebauten Know-how profitiert.
  • Prüfen Sie, ob Third-Party-Tools im Cloud-Umfeld einen Mehrwert bieten und planen Sie ein, dass Sie sich mit dem Thema erst nach der Migration ausgiebiger befassen.
  • Planen Sie nicht alles haarklein, sondern lernen Sie, im Zuge eines solchen Projekts auch mal mit Überraschungen umzugehen.
    Beschäftigen Sie sich frühzeitig mit Lizenzthemen.
  • Gehen Sie in zwei Schritten vor: Erst die Migration, dann die Optimierung.

Die Zukunft in der Cloud

Bestärkt durch die positiven Erfahrungen, will DB Systel die Cloud-first-Bestrebungen der Deutschen Bahn in Zukunft weiter vorantreiben. Gleichzeitig stehen Optimierung und Automatisierung sowie die Weiterentwicklung der IT-Architektur auf der Agenda. „Wir werden auch das Thema Second Vendor mit weiteren Teams ausbauen. Eine der Ideen ist, Services unserer Provider zu kombinieren“, erläutert Peter Schmid und ergänzt: „Was wir z. B. ausprobieren wollen, wäre Cross-Backup, wo Anwendungen bei einem der Provider betrieben und beim anderen ein Backup hinterlegt wäre, um so das Risiko zu verteilen.“ Und bezogen auf SAP ist der Fahrplan auch bereits klar. S/4HANA und Cloud-Thematiken im SAP-Umfeld sowie Internet-of-Things oder Künstliche Intelligenz sollen kontinuierlich weiter ausgebaut sowie die Integration von IT und Business stärker vorangetrieben werden. Doch egal, welche Strecke der „Digitalisierungszug“ bei DB Systel auch fährt, Zielbahnhof aller Bestrebungen sind auch künftig Cloud-basierte Services.

Bildnachweis: Adobe Stock – cherezoff, DB Systel GmbH

Autorin: Julia Theis
blaupause-Redaktion
blaupause@dsag.de

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