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Sprengen mit feiner Klinge

Sprengtechnik

Von Thomas Gasser

Wer Fels nach den menschlichen Bedürfnissen formen will, findet in Sprengstoff einen effizienten und präzisen Weg. Die Sprengtechnik zieht sich als Konstante durch die Unternehmensgeschichte: vom Sprengen von Findlingen, dem Sprengaushub von Baugruben über Gewinnungssprengungen in Steinbrüchen, zum Sprengvortrieb im Tunnelbau bis hin zu Grosssprengungen gefährlicher Felspartien. Die frühen 1980er-Jahre stellten in dieser Entwicklung einen Wendepunkt dar.

Erste Grosssprengung – Balmgütsch (Folge 2/3)

Durchbruch der zivilen Sprengtechnik

Das Bundesgesetz vom 25. März 1977 mit der Sprengstoffverordnung vom 26. März 1980 veränderte die Handhabung von explosionsgefährlichen Stoffen massiv. Der Erwerb, die Lagerung und die Spreng- und Verwendungsberechtigung wurden detailliert geregelt. Das führte zu spezialisierten Unternehmungen, welche die Auflagen hinsichtlich Bewilligung, Lagerung und Berechtigung einhalten konnten. Speziell weise ich dabei auf die scharfe Kausalhaftung hin: Ab sofort waren der Sprengmeister und der Unternehmer für eine entstehende Gefährdung zur Verantwortung zu ziehen. Zuvor konnte eigentlich jedermann Sprengmittel im Eisenwarenladen kaufen.

Die verschärften Vorschriften führten zu einer Entwicklung bei den zivilen Sprengstoffen und Zündmitteln. Die patronierten Sprengstoffe kamen einheitlicher auf den Markt. Zu den losen Sprengstoffen wie ANFO kamen neu Emulsionssprengstoffe für Tunnelbauten und Steinbrüche zum Einsatz. Auch die Zündsysteme entwickelten sich stark. Heute wird die pyrotechnische Zündung nur noch selten eingesetzt. Moderne Zündsysteme wie die elektrische Zündung, die Schlauchzündung oder die elektronische Zündung stehen zur Verfügung. Im gleichen Zeitraum kamen Bohrgeräte auf den Markt, welche ein schnelleres, genaueres und emissionsreduziertes Bohren ermöglichten. Der Erfolg einer Sprengung hängt im Wesentlichen von der Genauigkeit der Bohrlöcher, der Zuverlässigkeit der Temperierung der Zündmittel und der Sprengtechnik ab. Hier sind Vermessungssysteme für Felsvolumen und die Lage der Bohrlöcher zusätzliche Sicherheitsvorteile für erfolgreiche Sprengungen.

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Das erste Montabert-Bohrgerät, 1986

1982: Balmgütsch, Lungern

Der Sprengmarkt der frühen 1980er-Jahre verlangte nach Professionalisierung. Das verlieh unserer Firma Schub: 1982 wurde die Abteilung Felsabbau geschaffen. Im selben Jahr konnten direkt vor der eigenen Haustür erste Erfahrungen mit grossen Sicherheitssprengungen gesammelt werden. Am Balmgütsch, westlich oberhalb von Lungern, befand sich eine 130 Meter lange und 50 Meter hohe Felspartie in instabilem Zustand. Immer wieder lösten sich Blöcke und bedrohten die darunterliegenden Wohnhäuser sowie die Dundelstrasse. Seit Herbst 1977 wurde die Felspartie mit Deformationsmessungen überwacht. Diese zeigten erhebliche Bewegungen im Fels. Die Behörden entschieden sich dazu, den absturzgefährdeten Bereich mit zwei Sprengungen zu entfernen.

Wir waren bei diesem Auftrag Teil einer Arbeitsgemeinschaft. Die Vorbereitungsarbeiten zur ersten Sprengung dauerten zehn Wochen, dabei wurden rund 1.5 Kilometer Sprenglöcher gebohrt. Es galt präzise zu arbeiten, denn nur wenn Bohrrichtung und Bohrlochabstand stimmen, kann erfolgreich gesprengt werden. Im zerklüfteten Gestein ist das keine leichte Aufgabe. Vor dem Sprengtermin verbarrikadierten die Anwohnenden ihre Häuser und Ställe mit Holzbrettern, anschliessend wurde die Gefahrenzone evakuiert. Über drei Tonnen Sprengstoff waren in zwei Arbeitstagen geladen worden. Dann, am 28. August 1982, erfolgte die erste Grosssprengung. Rund 12’000 Kubikmeter Fels wurden erfolgreich gesprengt, es gab keinerlei Schäden an den Häusern zu verzeichnen. Im Hang waren zwei Gruben angelegt worden, welche die gesprengten Felsmassen auffingen. Die zweite Sprengung folgte am 15. Oktober. Mit dem Einsatz von knapp 2.5 Tonnen Sprengstoff fielen weitere 11’000 Kubikmeter Gestein zu Tal. An der anschliessenden Pressekonferenz konnte vermeldet werden, dass nun wieder Sicherheit einkehrt.

Nicht nur die Anwohnenden waren erleichtert: Eine Sprenganlage in dieser Dimension war für die Firma Gasser Neuland gewesen, die Feuerprüfung bestanden. Balmgütsch sollte erst der Anfang sein, die beiden erfolgreichen Grosssprengungen hatten Signalwirkung. Das führte zu jährlichen Aufträgen mit kleineren und grösseren Sicherheitssprengungen. Viele dieser Arbeiten stellten überdurchschnittliche Anforderungen an Personal und Inventar, die Aufgaben für die Sprengmeister wurden zunehmend komplexer.

Im Scheinwerfer des Interesses

Zwei Jahrzehnte nach Balmgütsch war ein grosser Erfahrungsschatz dazugekommen. Die grössten Sicherheitssprengungen mit je über 100’000 Kubikmetern Sprengfels machten wir in den Jahren 2001 und 2002 am Chapf, oberhalb der Grimselstrasse. 2003 beschäftigte uns die Sicherung der Bristenstrasse. Zwar mit lediglich 18’000 Kubikmeter Fels, jedoch mit 1’098 Bohrlöchern und 4’200 Kilogramm Sprengstoff. Wir hatten uns den Ruf erarbeitet, rasch und mit innovativen Lösungen zur Stelle zu sein, wenn sich komplexe und drängende Probleme am Fels stellten. Bezüglich Flexibilität und Fachkompetenz forderte uns der Steinschlag an der Autobahn A2 in Gurtnellen aufs Äusserste. Am 2. Juni 2006 wurden wir durch den Kanton Uri aufgeboten. Die Nord-Süd-Achse war unterbrochen. Am Tag darauf, einem Samstag, fand eine Begehung vor Ort statt. Wir präsentierten einen Konzeptvorschlag für die Auflösung der Gefahrenquelle mit einer Sicherheitssprengung. Um 18 Uhr wurde uns der Auftrag erteilt. Am Sonntag kümmerten wir uns um die Arbeitsvorbereitung und am Montag begannen wir mit Roden und Installieren. Am Mittwoch folgten die Bohrarbeiten, über 40 Mitarbeitende waren nun im Zweischichtbetrieb während sieben Tage die Woche auf der Baustelle beschäftigt. Am Freitag, 23. Juni 2006, um 11 Uhr folgte dann die erfolgreiche Sprengung. Rund 1’500 Kilogramm Sprengstoff brachten in 88 Sprenglöchern 5’500 Kubikmeter Fels zu Fall. Eine Woche später wurde die A2 wieder für den Verkehr freigegeben. Fast einen Monat lang stand unsere Unternehmung im Rampenlicht der Medien, halb Europa berichtete über das Ereignis. Pressekonferenzen, Interviews und Reportagen begleiteten unsere Arbeit. Der damalige Bundespräsident Moritz Leuenberger überbrachte den Sprengverantwortlichen seinen Dank persönlich.

Sicherheitssprengung A2 Gurtnellen, 2006
Sicherheitssprengung A2 Gurtnellen, 2006

Die Gesetzesvorlagen ab 1980 führten auch bei den Steinbrüchen zu einem Markt. Hier kommt die Abbauplanung als wichtiges Element dazu. Schonender Abbau ist oft eine Auflage des Bauherrn. Dazu kommen die Emissionsauflagen für die Umgebung. Nach der Wende in Ostdeutschland wurden wir auch dort in Steinbrüchen aktiv. Für uns riesige Sprengfels-Volumen von bis zu einer halben Million Kubikmeter pro Jahr waren zu bewältigen. Heute bewirtschaften wir über 20 grössere und kleinere Steinbrüche in der Schweiz.

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Steinbruchbewirtschaftung, 1996

Die Sprengmeister

Solche Leistungen sind nur mit kompetenten und motivierten Mitarbeitenden möglich, von der Hilfskraft bis zum Sprengmeister. Gerade die Sprengmeister leben für ihren Beruf. Die Verantwortung ist gross und begleitet sie jeden Tag. Eine Berufslehre gibt es nicht, wohl aber Lehrgänge. In dieser Funktion ist Erfahrung zentral. Die verschiedenen Sprengprüfungen basieren auf Erfahrung und Kenntnissen der Gesetze. Man lernt es bei der Arbeit, über die Zusammenarbeit mit Berufskollegen in der Firma. In der freien Umgebung zu sprengen, gehört zu den grössten Herausforderungen und bedingt ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein. Denn ein unkontrollierter Schleuderwurf von Steinen ist ein No-Go.

Solche Leistungen sind nur mit kompetenten und motivierten Mitarbeitenden möglich, von der Hilfskraft bis zum Sprengmeister.

Thomas Gasser

Auch bei Sprengarbeiten profitieren wir von der internen Zusammenarbeit mit den anderen Abteilungen, wie beispielsweise der Felssicherung. Dies ermöglicht uns, überzeugende Gesamtleistungen anzubieten. Sprengen ist heute eine sichere und zuverlässige Möglichkeit zum Felsabtrag. Die Technik erlaubt ein Abbauen auch in städtischen Gebieten, wo insbesondere die Erschütterungsauflagen berücksichtigt werden müssen. Dazu kommen die Transport- und Lagerungsauflagen. Funktioniert der Prozess der Grundlagenbeschaffung, der Definition der Sprengparameter und der Einbezug der Anwohner, sprechen wir vom «Sprengen mit feiner Klinge». Felsabtrag erfolgt aber nicht nur sprengtechnisch. In speziellen Fällen können Expansionsmittel oder der hydraulische Abtrag mittels Steinspaltzylinder eine Lösung sein. Mit dem eigenen unterirdischen Sprengmittel- und Emulsionslager in Lungern verfügen wir über die nötige Infrastruktur.

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