„Alle wurden durch die Pandemie wachgerüttelt“

Markus Tressel, der tourismuspolitische Sprecher der Bündnisgrünen setzt auf erdgebundenes Reisen

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Markus Tressel ist Sprecher für Tourismuspolitik und ländliche Räume der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen. Die NATURFREUNDiN, das Mitgliedermagazin der NaturFreunde Deutschlands, hat ihn gefragt:

Tourismuswirtschaft und Tourismuspolitik haben in den letzten Jahren unisono das stetige Wachstum im Deutschlandtourismus gefeiert. Gibt es mit der Pandemie ein Umdenken?

Markus Tressel: In den letzten Monaten gab es durchaus einige Entwicklungen in der Tourismuswelt, die wir Grüne begrüßen. Zum einen spielt Nachhaltigkeit mittlerweile fast überall eine wesentliche Rolle, insbesondere bei neuen Tourismusinitiativen oder Start-ups. Zum anderen haben wir gerade im Sommer erlebt, dass regional und erdgebunden verreist wurde. Viele haben damit ein ganz neues Bild vom eigenen Urlaub bekommen und sich die Frage gestellt: Wieso in die Ferne schweifen … Und drittens haben wir einen deutlichen Anstieg im Outdoor-Urlaub erlebt.

Wird von diesen Trends etwas bleiben?

Ja, da bin ich der festen Überzeugung. Alle wurden durch die Pandemie wachgerüttelt. Mal eben um die Welt jetten, das gab es nun seit März 2020 nicht mehr. Ich glaube, dass viele Menschen einen anderen Blick auf Natur und Umwelt bekommen haben. Sanftes, nachhaltiges und erdgebundenes Reisen, das ist das, was wir Grünen seit Jahren in den Mittelpunkt stellen.

Die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) wirbt seit Jahren verstärkt in den Quellmärkten Südamerika und Südostasien und fördert so den besonders klimaschädlichen Ferntourismus. Was halten Sie davon?

Ich glaube, dass die DZT künftig einen stärkeren Fokus auf Europa legen wird. Auf absehbare Zeit wird da der Schwerpunkt liegen müssen, ganz sicher nicht nur in der Pandemie begründet, sondern auch im wachsenden Bewusstsein für die Klimakrise und ihre Folgen. Wir möchten, dass sich das Bewusstsein für das Reisen verändert.

Bei den Geschäftsreisen zum Beispiel gibt es gerade eine sehr starke Veränderung – vielfach ökonomisch, aber eben auch ökologisch begründet. Auch nach Corona werden viele Dienstreisen weiter durch digitale Meetings ersetzt werden. Das wird Folgen haben, auch für viele Regionen. Diese Prozesse muss man frühzeitig gestalten.

Die Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen warnt mittlerweile vor Overtourism, also dem Phänomen, dass manche Orte von Tourist*innen regelrecht überrannt werden. Auch deutsche Ziele sind stark betroffen und überlaufen. Wollen Sie das über das Wirtschaftsministerium weiter fördern wie bisher?

In Deutschland gibt es Destinationen, die vor Corona extrem stark frequentiert waren – einige Großstädte etwa, aber auch in den Alpen oder an der Ost- und Nordsee. Hier bietet die Krise ein Zeitfenster zum Nachdenken, wie man das in Zukunft gestalten möchte.

Fakt ist, dass wir künftig viel großräumiger denken und den Fokus stärker auf Regionen als auf Hotspots setzen müssen. Corona wird uns auf absehbare Zeit große Menschenansammlungen nicht attraktiv erscheinen lassen. Da braucht es mehr Zusammenarbeit und eine gute Lenkung der Besucherströme in großen Räumen. Die Digitalisierung wird dabei eine wichtige Rolle spielen, auch eine bessere Abstimmung der Destinationen. Jetzt kommen viele Anbieter in den Blick, die Freiraum und alternative Tourismusangebote bieten können.

Vom Wirtschaftsministerium fordern wir deshalb, dass die Nationale Tourismusstrategie baldmöglichst kommt und die Learnings der Krise darin enthalten sind. Wir brauchen zudem auch eine bessere Abstimmung in Europa, um die Chancen aus der Krise besser nutzen zu können.

Im Herbst sind Bundestagswahlen: Was soll die nächste Regierung als Erstes verändern in der Tourismuspolitik?

Öffentliche Fördergelder nur noch für sozial, ökonomisch und ökologisch nachhaltige Tourismusprojekte und viel mehr Investitionen in die Forschung!

Interview: Hans-Gerd Marian