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Juli 23, 2015

Klugscheißereien Teil 1 – Heute: Schreiberling

Ist das Begriffswandel oder kann das weg?

Wenn es um die schreibende Zunft geht, ist der Schreiberling im Allgemeinen ganz schön auf dem Vormarsch: Viele Auftraggeber suchen händeringend nach einem, der im Minutentakt Content produziert, und immer mehr Schreibende bezeichnen sich selbst verniedlichend als Schreiberling, um vom ersten Moment an Sympathie zu erzeugen. Klingt doch auch irgendwie süß, oder? Ist es aber nicht.

Interessantes

Der Duden erschien erstmals am 7. Juli 1880 als Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache und diktierte seit Ende 1955 die amtliche Rechtschreibung in Deutschland. Der Herausgeber des Dudens war der Lehrer, Philologe und Lexikograf Konrad Duden (1829-1911).

Aufgrund der Aufnahme (zu) vieler Anglizismen, kritisierte der Verein Deutsche Sprache den Duden scharf und verlieh ihm im Jahre 2013 die Negativ-Auszeichnung als Sprachpanscher des Jahres.

Sagt wer?

Konrad!

Der Duden ist mitunter das wichtigste Werkzeug eines jeden Texters und liefert zu (fast) jeder sprachlichen Frage eine gültige Antwort. Wie sieht diese aus, wenn man einfach mal Schreiberling eintippt? So:

»Gebrauch: abwertend
Bedeutung: Autor[in], der bzw. die schlecht [und viel] schreibt
Quelle: www.duden.de«

Wer wird denn hier gleich Haare spalten

Sprache ist doch im ständigen Wandel

Natürlich ließe sich argumentieren, dass der Duden die Sprache deskriptiv widerspiegelt und der Begriff Schreiberling in der Praxis eine Bedeutungsverbesserung erfahren könnte, gebrauchte man ihn nur lange genug im positiven Kontext. Schließlich mauserte sich der Marschall auch vom Pferdeknecht zu einem der höchsten militärischen Ränge und so wäre es für den Schreiberling doch ebenso möglich, vom Schmock zur Edelfeder befördert zu werden. Sicherlich, aber für mich hat die Vorstellung das G’schmäckle, als bezeichneten sich ein guter Arzt als Quacksalber oder ein redlicher Rechtsanwalt als Winkeladvokat, nur um die Begriffe aus dem Kerker negativer Konnotation zu befreien. Die Frage dabei lautet, wie viel Vertrauen der potentielle Patient/Mandant einem Quacksalber/Winkeladvokaten noch entgegenbringt – auch während eines möglichen Begriffswandels.

»›Was tun?‹, spricht Zeus«

Das Wort ist weggegeben

Was macht man nun mit dem Begriff Schreiberling? Dass Auftraggeber nicht unbedingt in die Materie Ihrer Auftragnehmer eintauchen –  sei verziehen. Dass Quereinsteigern ein solcher Fauxpas unterläuft – Schwamm drüber. Dass Kritiker den Begriff ganz bewusst benutzen – fies, aber nicht zu ändern. Wer aber langfristig als Autor oder Texter arbeiten möchte, sollte das Wörtchen schleunigst aus seinem Wortschatz streichen, zumindest dann, wenn es die Beschreibung der eigenen Person betrifft. Es sei denn natürlich, man möchte in unbestimmbarer Zukunft rückblickend vielleicht zu jenen »Pionieren« gehören, die einen Begriffswandel eingeläutet haben. Ich gehe das Risiko nicht ein. Erstmal.

Wissenswertes

Bedeutungswandel

Die Bedeutungsverbesserung (Melioration) stammt aus der Bezeichnungslehre (Onomasiologie) und die ist wiederum Teil der Bedeutungslehre (Semantik). Eine Bedeutungsverbesserung ist deutlich seltener anzutreffen als eine Bedeutungsverschlechterung (Pejoration).

Beispiele für die Bedeutungsverbesserung

Marschall
Früher: Pferdeknecht | Heute: einer der höchsten militärischen Ränge

Freigeist
Früher: abschätzig für gottlose Amoralisten | Heute: Ehrenbezeichnung für kritische Publizisten

Beispiele für die Bedeutungsverschlechterung

Billig
Früher: gerecht | Heute: minderwertig

Gift
Früher: Gabe, Geschenk | Heute: schädlicher Stoff

Dirne
Früher: Mädchen | Später: Magd | Heute: Hure

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Beitragsdetails

KategorieSprache aus der Praxis

DatumJuli 23, 2015

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