Trichotillomanie

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 28. Februar 2024
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Wohl jeder kennt es, dass er sich mal an seinen Haaren zieht oder sie um seinen Finger wickelt. Frauen zupfen sich auch gern mal störende Gesichtshaare aus. Dies ist meist nicht ungewöhnlich, doch es gibt auch Menschen, die sich täglich und manchmal sogar über Stunden hinweg die Haare zwanghaft ausreißen, bis der Kopf über kahle Stellen verfügt oder sogar blutet. Dies wird als Trichotillomanie bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Was kennzeichnet Trichotillomanie?

Die Erkrankung ist leicht an den kahlen Stellen zu erkennen, die sich nach dem Ausreißen ergeben. Meist hält die psychische Erkrankung nur einige Monate an.
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Das Wort Trichotillomanie setzt sich aus folgenden drei griechischen Bezeichnungen zusammen: „tricho“ bedeutet Haar, „tillo“ rupfen und „mania“ steht für das triebhafte oder sogar süchtige Verhalten. Bei der Trichotillomanie, dem seelischen Krankheitsbild, handelt es sich demzufolge um ein zwanghaftes Auszupfen der Haare, beispielsweise die Kopfhaare, aber ebenso die Wimpern oder Augenbrauen. Doch auch alle anderen Haare wie der Bart oder die Schamhaare können bevorzugte Stellen sein.

Diese Erkrankung, die meist im Kindesalter auftritt, gehört zu den komplexen Impulskontrollstörungen und kann einige Monate oder sogar Jahre anhalten. Die Erkrankung ist dadurch gekennzeichnet, dass der Betroffene dem Trieb, Impuls oder der Versuchung nicht widerstehen kann, diese Handlung auszuführen.

Ursachen

Die genauen Ursachen für die Trichotillomanie konnten bisher noch nicht eindeutig geklärt werden. Die Auslöser müssen daher für die Betroffenen individuell ermittelt werden. Es wird vermutet, dass eine erbliche Disposition in der Verbindung mit gewissen Auslösern im Gehirn zum Ungleichgewicht von Neurotransmittern führt, wodurch die zwanghafte Handlung ausgelöst wird.

Zu weiteren Gründen sollen traumatische Ereignisse gehören, beispielsweise der Tod eines nahen Angehörigen, Probleme in der Familie, Scheidung, Missbrauch, Stress, belastende Geschehnisse in der Kindheit oder Ereignisse, die das Selbstwertgefühl vermindern. Laut Studien haben mehr als zwei Drittel der Betroffenen in ihrem Leben zumindest ein traumatisches Erlebnis erfahren.

Zum Teil wurde eine posttraumatische Belastungsstörung als Diagnose gestellt. Die eigenen Auslöser zu erkennen, kann hilfreich sein, um Möglichkeiten und Wege zu finden, mit diesen schwierigen Situationen umzugehen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Trichotillomanie macht sich in erster Linie durch das zwanghafte Ausreißen der Kopfhaare bemerkbar. In manchen Fällen werden auch aus anderen Körperregionen Haare ausgerissen. Dadurch bilden sich an den betroffenen Körperregionen kahle Stellen. Die Betroffenen verspüren dabei meist keine Schmerzen oder diese werden einfach ignoriert.

Die Handlungen werden häufig gar nicht bewusst erlebt, obwohl der Drang, die Haare auszureißen, meist stark verspürt wird. Die Trichotillomanie kann grundsätzlich in jedem Alter auftreten. Allerdings setzt sie häufig während der Pubertät ein.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Erkrankung ist leicht an den kahlen Stellen zu erkennen, die sich nach dem Ausreißen ergeben. Meist hält die psychische Erkrankung nur einige Monate an. Zum Teil dauert sie jedoch auch mehrere Jahre. Es geht mit dieser Störung fast immer eine innere Unruhe, ein Druck oder ein Spannungsgefühl einher. Der Vorgang des Ausreißens der Haare führt meist kurzfristig zur erwünschten Entspannung.

Jedoch verstärken die häufig darauf folgenden Empfindungen der Wut, Scham und Angst wieder die innere Spannung, was erneut zum zwanghaften Impuls führt. Ein Teufelskreis entsteht, der schwer zu durchbrechen ist. Das Erleben, sich selber nicht kontrollieren zu können, führt zu Frustrations- und Minderwertigkeitsgefühlen. In manchen Fällen kommt es daher zu Begleiterkrankungen, beispielsweise Angststörungen oder Depressionen. Viele Betroffene möchten nicht, dass die Zwangshandlungen entdeckt werden. Daher kommt es in manchen Fällen zu einer sozialen Isolation.

Komplikationen

Da es sich bei der Trichotillomanie um eine rein psychische Störung handelt, führt die Erkrankung zu einer Reihe verschiedener psychischer und physischer Beschwerden. In den meisten Fällen reißen sich die Betroffenen selbst die Haare aus. Dabei werden Haare von verschiedenen Körperregionen ausgerissen, wobei die Betroffenen in der Regel keinen Schmerz oder keine anderen unangenehmen Gefühle beim Ausreißen verspüren.

Die Trichotillomanie tritt dabei überwiegend in der Pubertät auf. Viele Betroffene werden daher gemobbt oder gehänselt, was die Beschwerden nur noch weiterhin verstärken kann. Durch die ausgerissenen Haare fühlen sich die Patienten häufig nicht mehr schön und leiden daher an Minderwertigkeitskomplexen oder an einem verringerten Selbstbewusstsein.

Weiterhin kann es auch zur Ausbildung von Selbstmordgedanken kommen. Die Patienten leiden bei der Trichotillomanie auch an Angststörungen oder an starken Depressionen. Auch die sozialen Kontakte können bei der Erkrankung in der Regel nicht aufrechterhalten werden. Die Behandlung der Trichotillomanie wird immer bei einem Psychologen durchgeführt.

In schwerwiegenden Fällen kann die Behandlung dabei auch in einer geschlossenen Klinik stattfinden. Besondere Komplikationen treten dabei nicht ein. Allerdings kann die Behandlung einen langen Zeitraum benötigen und muss nicht in jedem Falle zu einem Erfolg führen. Die Lebenserwartung des Betroffenen wird durch die Trichotillomanie allerdings nicht beeinflusst.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei der Trichotillomanie ist der Betroffene immer auf einen Besuch bei einem Arzt angewiesen. Bei dieser Krankheit kann es nicht zu einer Selbstheilung kommen und die Beschwerden verschlechtern sich weiter, wenn keine Behandlung eingeleitet wird. Daher sollte bei der Trichotillomanie schon bei den ersten Beschwerden und Symptomen ein Arzt kontaktiert werden. Durch eine frühzeitige Diagnose und die anschließende Behandlung können weitere Komplikationen eingeschränkt werden. Ein Arzt ist dann aufzusuchen, wenn der Betroffene sich zwanghaft die Haare vom Kopf reißt.

Diese Beschwerden können vor allem in stressigen oder anstrengenden Situationen auftreten und wirken sich negativ auf die Lebensqualität des Betroffenen aus. In den meisten Fällen bemerken die Betroffenen bei der Trichotillomanie das Ausreißen selbst gar nicht mehr, sodass Außenstehende die Patienten auf die Beschwerden hinweisen sollten.

Bei der Trichotillomanie sollte ein Psychologe aufgesucht werden. In vielen Fällen müssen Freunde oder die Familie den Betroffenen zu einer Behandlung überreden. Der weitere Verlauf kann nicht allgemein vorausgesagt werden. Jedoch ist die Lebenserwartung des Betroffenen durch diese Krankheit nicht verringert oder anderweitig eingeschränkt.

Behandlung & Therapie

Die Trichotillomanie kann behandelt werden. Hierbei spielt vor allem bei einem schweren Verlauf die psychotherapeutische Behandlung eine wichtige Rolle. Eine Verhaltenstherapie unterstützt die Betroffenen dabei, die Verhaltensweisen und Symptome und vor allem die Auslöser zu erkennen und das Verhalten anschließend zu verändern. Der Betroffene soll während der Therapie lernen, mit der Erkrankung und den Folgen allmählich besser umzugehen.

Dies dauert jedoch seine Zeit, bis die fest eingefahrenen Handlungsmuster abgelegt und durch neue abgelöst werden. Eine ergänzende medikamentöse Therapie kann zusätzlich helfen, den zwanghaften Impuls zu unterdrücken und den Begleiterscheinungen wie Depressionen oder Ängste, die häufig nebenbei auftreten, entgegenzuwirken. Viele Patienten sprechen positiv auf Antidepressiva an. Nur die Anwendung von Medikamenten wird nicht empfohlen, denn wenn diese absetzt werden, entsteht häufig wieder der Drang zum Ausreißen der Haare. Daher ist es empfehlenswert, gleichzeitig eine Verhaltenstherapie zu nutzen.

Entspannungstechniken wie das autogene Training oder die progressive Muskelentspannung sind empfehlenswert, um Stress abzubauen. Hilfreich ist zudem die Unterstützung durch Bezugspersonen. Welche Maßnahmen für den Betroffenen erfolgreich sind, muss stets individuell entschieden werden. Eine medizinische Behandlung ist nicht immer erforderlich. Selbst bei schwierigen Fällen kann eine günstige Prognose gestellt werden.


Vorbeugung

Als Vorbeugung hat sich als hilfreich erwiesen, einen Plan zu erstellen, sich selber vom zwanghaften Trieb abzuhalten. Dies bedeutet, wenn die Lust bemerkt wird, die Haare auszureißen, dass der Drang durch positive Gedanken ersetzt wird oder in diesen Momenten Entspannungsmöglichkeiten genutzt werden.

Es ist empfehlenswert, sich in diesen Situationen einige Minuten für sich selber zu nehmen, um auf diese Weise den Kopf freizubekommen. Der Stress sollte reduziert werden. Dies gilt jedoch nicht nur in diesen Situationen, sondern grundsätzlich ist es wichtig, alle Stressauslöser möglichst auszuschalten, um ein psychisches Gleichgewicht herzustellen.

Nachsorge

Betroffenen stehen bei der Trichotillomanie in den meisten Fällen nur eingeschränkte Maßnahmen einer Nachsorge zur Verfügung, da es sich dabei um eine seltene Erkrankung handelt. Sollte die Krankheit schon seit Geburt an vorliegen, kann sie in der Regel nicht vollständig geheilt werden. Daher sollten Betroffene im Falle eines Kinderwunsches eine genetische Untersuchung und Beratung durchführen lassen, um die Weitergabe der Krankheit an die Nachkommen zu verhindern.

Es kann keine selbstständige Heilung eintreten. Die meisten Patienten sind auf die Einnahme von verschiedenen Medikamenten und auch auf die Benutzung von verschiedenen Salben und Cremes angewiesen. Dabei sollten immer die Anweisungen des Arztes beachtet werden, wobei auch auf eine regelmäßige Einnahme und Benutzung und ebenso auf die vorgegebene Dosierung zu achten ist.

Bei Unklarheiten oder starken Nebenwirkungen sollten Betroffene bei der Trichotillomanie einen Arzt aufsuchen. Ebenso kann bei der Trichotillomanie der Kontakt zu anderen Patienten der Erkrankung sehr sinnvoll sein, da es dadurch zu einem Austausch an Informationen kommt, wie sich der Alltag leichter bewältigen lässt. Eventuell kommt es durch diese Erkrankung zu einer verringerten Lebenserwartung des Betroffenen.

Das können Sie selbst tun

Selbsthilfemaßnahmen sollten bei einer festgestellten Trichotillomanie ausschließlich begleitend stattfinden. Da sich die Behandlung als vergleichsweise schwierig erweist und bis heute keine universell gültigen Therapien bestehen, sollten sämtliche Maßnahmen abgestimmt werden. Nur so kann die Problematik umfassend behoben werden.

In vielen Fällen lösen eine innere Zerrissenheit und Unruhe das Ausreißen der Haare aus. Entspannungstechniken wie das autogene Training können die Ursache für den Haarrupf-Impuls ausschalten. Zudem kommt der Reaktion des Umfelds eine bedeutende Rolle zu. Eltern und Angehörige sollten unbedingt Vorwürfe vermeiden. Andernfalls verstärkt sich die Problematik. Kinder stauen etwa Aggressionen an und verfügen über keinen Rückzugsraum. Vielmehr sollten Erfolge, also das Unterlassen des Auszupfens, hinreichend gewürdigt und belohnt werden.

Da der Kopf ohnehin das Thema des erkrankten Kindes und seines Umfelds ist, sollte man ihn positiv besetzen. Kopfmassagen sorgen für angenehme Reize. Die Nutzung von Haarschmuck, Mützen und Tüchern verspricht einen kreativen Umgang mit der Erkrankung. Die Trichotillomanie stellt gerade bei Friseurterminen ein Thema dar. Eltern sollten diesen vorab über die Erkrankung informieren. Manchmal gibt es Möglichkeiten, durch bestimmte Frisuren die ausgerissenen Stellen nicht sichtbar zu machen.

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M.H.(Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen – ICD 10, Kapitel V (F), klinisch-diagnostische Leitlinien. Huber, Bern 2011
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015

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