1. Nachrichten
  2. Gesundheit
  3. Arzt & Klinik
  4. Thorbrietz Diagnosen
  5. Thorbrietz’ Diagnosen: Besser Zähne zusammenbeißen

Thorbrietz’ Diagnosen: Besser Zähne zusammenbeißen
  • E-Mail
  • Teilen
  • Mehr
  • Twitter
  • Drucken
  • Fehler melden
    Sie haben einen Fehler gefunden?
    Bitte markieren Sie die entsprechenden Wörter im Text. Mit nur zwei Klicks melden Sie den Fehler der Redaktion.
    In der Pflanze steckt keine Gentechnik
    Aber keine Sorge: Gentechnish verändert sind die
CLINICAL ASPECTS
Colourbox.de Gehen in der Klinik öfter mal verloren: die Dritten
  • FOCUS-SCHULE-Autorin

Im Krankenhaus sind Patienten vielen Gefahren ausgesetzt: Hygienemängel, falsche Medikamente, Fehlbehandlungen – auch reine Schludrigkeit kann weitreichende Folgen haben.

Falls Sie mal ins Krankenhaus kommen – immer schön die Zähne zusammenbeißen! Ich meine das nicht im übertragenen Sinne, weil Sie Schmerzen aushalten müssen oder die Gesundheitsmaschinerie Sie überrollt. Ich meine das ganz real: Ihre Zähne könnten sonst nämlich weg sein.

Was für Menschen, deren Zähne noch fest in ihrem Bett sitzen, eher lustig klingt, kann für hilflose ältere Patienten zum Alptraum werden. Und es scheint leider kein Einzelfall zu sein, wie Zahnärzte bestätigen. Meine Mutter, über 80, kam vor einigen Jahren mit massiven Stoffwechselproblemen in das Münchner Krankenhaus Bogenhausen. Dort lag sie auf einer internistischen Station in einem kritischen Dämmerzustand, mit Wasser in der Lunge, schwachem Herzen, Fieber, rätselhaften Blutwerten. Aß nichts, trank nichts, bekam Infusionen und stand immer kurz vor der Verlegung auf die Intensivstation. Sie war zwar nicht bewusstlos, aber auch nicht ansprechbar. Ich besuchte sie täglich, wobei nicht klar war, ob sie mich überhaupt erkannte, und hoffte auf ein Wunder.

Eines Abends, es war ein Freitag, sah sie anders aus als sonst, das Gesicht eingefallen – ich erschrak. Doch dann stellte sich heraus, dass ihre obere Zahnprothese fehlte, einsam ragten zwei verbliebene echte Zähne aus dem Oberkiefer. Wo war die Prothese? Ich suchte das Bett ab, nichts. Der Stationspfleger, genervt über meine hartnäckigen Nachfragen, wanderte unwillig in die Wäschekammer, um in der gewechselten Bettwäsche zu wühlen. Kein Gebiss.

Die Recherche ergab, dass meine Mutter am Vormittag eine Magenspiegelung bekommen hatte. „Vermutlich hat da einer die Prothese rausgenommen und nach der Untersuchung vergessen, sie wieder einzusetzen“, mutmaßte der Pfleger. „Aber Freitagabend“, ergänzte er gleich, „ist da keiner mehr. Montag wieder ...“



Pudding statt Prothese


Montag kam ich voller Hoffnung auf die Station, zumal es meiner Mutter seit dem Wochenende wieder deutlich besser ging: Sie war ansprechbar und hatte auch Hunger. Zwar bekam sie nur süßen Pudding, weil sie schließlich nicht beißen konnte, und wunderte sich auch, wohin ihre Zähne verschwunden waren. Aber sie konnte sich an nichts erinnern. Die Pflege hatte in der Abteilung nachgefragt, wo am Freitag die Untersuchung vorgenommen worden war. Dort fanden sich aber keine Zähne. Die Putzfrau?

Am Tag fünf nach dem rätselhafte Verschwinden aß meine Mutter immer noch wie alle Tage vorher, morgens, mittags und abends den gleichen Pudding und verzweifelte langsam an dem Leben, das sie doch gerade erst wieder geschenkt bekommen hatte. Das Krankenhaus hatte immerhin seine Anstrengungen optimiert und alle gefundenen Zahnprothesen, es waren fünf (!), nach Desinfektion auf einem Tablett angeliefert, zur Anprobe. Doch die richtige war nicht dabei. „Das ist zwar jetzt blöd“, entschuldigte sich der Pfleger. „Aber wir sind ja haftpflichtversichert. Wir machen eine Meldung.“

Währenddessen versuchte ich, zu einer neuen Prothese zu kommen, wenigstens zu einem Provisorium. Pustekuchen. Das städtische Krankenhaus hatte keinen Zahnarzt zu bieten und meine Mutter war nicht transportfähig, zumindest nicht in eine Zahnarztpraxis. In München gibt es einige Zahnärzte, die ambulant in Heime gehen, doch die meisten waren im Urlaub (es war August). Einer erklärte mir am Telefon, die Anfertigung einer Prothese sei schwierig, weil meine Mutter noch zwei Zähne hätte, das würde Wochen dauern. Als ich vorschlug, diese beiden Zähne zu ziehen, wenn das die Dinge vereinfachen würde, sagte er, das wäre unethisch und legte auf. Über die Ethik des Puddings wollte er mit mir nicht verhandeln.

Nach zehn Tagen kam meine Mutter in eine Reha-Klinik, die zwar auch keinen Zahnarzt, aber immerhin ein Einsehen hatte und auch Rinderfilet oder Rosenkohl extra für sie pürierte, was eine deutliche Lebensverbesserung war. Währenddessen fragte ich, misstrauisch geworden, bei der Klinik nach, wie das nun weiterginge mit dem Schadenersatz und stellte fest: Die Station hatte den Schaden gar nicht gemeldet. Wichtige Regel, wenn Sie mit dem Gesundheitssystem zu tun haben: Nie glauben, was sie Ihnen erzählen!

Deals mit dritten Zähnen


Als die Klinik den Schaden endlich meldete, bekam ich postwendend einen ebenso kurzen wie harschen Brief von einer Versicherung, die alle Häuser des städtischen Klinikums in München betreut: Die Schuldfrage sei nicht geklärt – zu Deutsch: Ich sollte erst mal nachweisen, dass meine Mutter die Prothese nicht hätte verschwinden lassen. Wütend schrieb ich nicht nur der Versicherung, sondern auch der Stadtkämmerin als obersten Dienstherrin der städtischen Kliniken – dass es nicht an mir sei, einen Schaden nachzuweisen, der durch Zeugen wie auch durch die Krankenakte eindeutig belegt sei. Meine Mutter sei gar nicht fähig gewesen, aufzustehen – wohin hätte sie die Prothese wohl tun sollen? Zum Verschlucken war sie jedenfalls zu groß. Nachdem meine Mutter nun schon seit Wochen von Pudding und Pürree lebe, schrieb ich der Stadtkämmerin, erwartete ich eine Lösung des Problems und sähe sie in der Fürsorgepflicht für eine hilflose Patientin, die dem Geschehen im Krankenhaus hilflos ausgeliefert gewesen sei. Die Antwort: keine.

Nach zwei Monaten Breikost konnte meine Mutter endlich bei ihrer Zahnärztin eine neue Prothese anfertigen lassen, doch die Kostenfrage war immer noch ungeklärt. Das Krankenhaus erklärte mir, die Ersatzkasse würde bereitwillig in „Vorleistung“ gehen und die Kosten für die Behandlung übernehmen, um den erheblichen Eigenanteil jedoch müssten wir uns selbst kümmern. Das war ja reizend! Die Zahnarztkammer aber bestätigte auf meine Anfrage, dass das, was uns passiert ist, relativ häufig geschehe, und es immer wieder Streit um die Kostenübernahme gäbe. Der Anwalt, den ich schließlich anrief, war der Meinung, die Haftpflichtversicherung spiele auf Zeit, schließlich handele es sich in diesen Fällen überwiegend um ältere, schwerkranke Patienten. Das Geld würden wir bei einer Klage vermutlich nicht zu Lebzeiten meiner Mutter sehen. Wir sollten also lieber klein beigeben.

So haben wir den Zahnersatz meiner Mutter nun doppelt und dreifach bezahlt: Mit dem Eigenanteil an der ersten und zweiten Anfertigung und dann auch noch über unsere Krankenkassenbeiträge. Ich habe das bis heute nicht verstanden. Und träume von einer Enthüllungsgeschichte über geheimnisvolle Deals im städtischen Klinikum oder den Schwarzmarkt mit geklauten Zahnprothesen ...
Sie waren einige Zeit inaktiv, Ihr zuletzt gelesener Artikel wurde hier für Sie gemerkt.
Zurück zum Artikel Zur Startseite
Lesen Sie auch